„Heimweh nach zwei Welten“ – eine Ausstellung zeigt das Leben von Afrikanern in Hamburg

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Am kommenden Sonntag (23. Oktober) eröffnet im Museum für Völkerkunde die Ausstellung „Afrikaner in Hamburg“. Sie wirft einen Blick auf afrikanisches Leben in der Hansestadt und stellt eine Vielzahl von Interviews mit in Hamburg lebenden Afrikanern zum Thema „Heimweh“ vor.

Luisa Natiwi wurde in Uganda geboren. Sie lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland, davon sieben Jahre in Hamburg, und arbeitet inzwischen als Autorin für Kinder- und Jugendbücher (Bilder: K. Schwarz)

Luisa Natiwi, Autorin für Kinder- und Jugendbüchern, lebt seit über 30 Jahren in Deutschland (Bilder: K. Schwarz)

Luisa Natiwi ist eine von ihnen. Sie kam 1952 in Karamoja, im Nordosten Ugandas, zur Welt und ist die erste Frau ihres Stammes, dem Nomadenvolk der Karamojong, die eine Missionsschule besuchte und zur Lehrerin ausgebildet wurde. Luisa Natiwi lebt seit über 30 Jahren in Deutschland, davon sieben Jahre in Hamburg, und arbeitet inzwischen als Autorin für Kinder- und Jugendbücher. Im September erschien ihr neuster Roman „Barfuß durch das Horn von Afrika“.

Mit ihrem 2004 gegründeten Verein Zebra Crossing e.V. setzt sich Natiwi für die Schul- und Berufsausbildung junger Menschen in ihrer Heimat Karamoja ein.


Kim Schwarz: Frau Natiwi, wo ist eine Nomadin zu Hause?

Luisa Natiwi: Wir Nomaden sind überall zu Hause. Da, wo wir mit unseren Tieren hinziehen und Wasser, grünes Gras und Früchte finden. Dort wird sofort ein Zelt hergerichtet und wir fühlen uns genauso gut wie an jedem anderen Ort. Hier und heute ist unser Zuhause.

War der ständige Ortswechsel im Nomadenleben auch ein Grund für Sie, sich hier in Deutschland schneller heimisch zu fühlen?

Luisa Natiwi: Ja. Wir haben ja nichts festes, woran wir hängen. Wir haben auch keine Gräber, die man pflegen müsste. Auch in Deutschland bin ich oft umgezogen.

Wann waren Sie zuletzt in Ihrer Heimat Uganda?

Luisa Natiwi: Ich war 2009 zu Hause, ich habe ja noch eine Mutter in Uganda. Als ich morgens aufwachte, war ich noch voller „Uganda-Euphorie“. Nach einer Woche hatte ich Heimweh nach Hamburg. Das hat nach einiger Zeit nachgelassen, aber nach sechs Wochen wollte ich wirklich wieder zurück. Und jetzt, wo ich hier bin, juckt es mich und ich muss wieder nach Uganda. Das heißt, ich habe jetzt zwei Heimatorte, von denen ich keine missen möchte. Hier bin ich zu Hause und in Uganda auch.

Wie kamen Sie dazu, Märchen und Erzählungen zu schreiben?

Luisa Natiwi: Ich war schon immer eine Märchenerzählerin, schon zu Schulzeiten, bei den Missionaren. Die Klassen waren immer voll, wenn es Märchenstunden gab. Auch hier in Deutschland, auf jedem Kindergeburtstag, habe ich immer Märchen erzählt. Bei Schularbiten mit den Kindern fing ich irgendwann an, meine Märchen aufzuschreiben. Aber damals war es nur für mich, die Geburtstage oder als Geschenk, nicht zum Veröffentlichen. Inzwischen ist es wie eine Krankheit – ich will nur noch schreiben, mehr nicht.

Der Zebrakönig Apollo, das sprechende Schaf, Familie Fliege oder ein verzauberter Affe – Tiere spielen in Ihren Erzählungen eine ganze besondere Rolle. Warum?

Luisa Natiwi: Das Tier ist uns Nomaden heilig. Sie geben uns alles. Kühe, Schafe und Ziegen geben uns Milch, Blut und Butter. Sie werden selten geschlachtet. Auch unsere Textilien bekommen wir von den Tieren. Sie bedeuten uns also sehr viel. Deswegen vermisse ich die Tier hier sehr. Ich träume immer von einem Bauernhof, aber das ist nicht realisierbar. Ich habe es mal mit einer Katze versucht, mit einem Kaninchen und sogar mit einem Igel.

Haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft?

Luisa Natiwi: Nein. Ich weiß nicht warum. Ich habe die Papiere seit langer Zeit bei mir, aber ich war bislang zu bequem. Ich dachte mir, ich komme schon irgendwie durch. Aber jetzt, wo ich schon sage, dass ich zwei Heimatorte habe, möchte ich auch zwei Staatsbürgerschaften. Und Deutschland ist meine Heimat, weil ich hier mehr Jahre verbracht habe als in Uganda.

Wenn Sie zurück in Ihre Heimat Uganda fliegen, wie werden Sie von den Menschen dort behandelt?

Luisa Natiwi: Ich bin ja von meinem Volk, den Karamojong, das erste Mädchen überhaupt, das zur Lehrerin ausgebildet wurde und das nun in Deutschland lebt. Ich bin wie eine Königin von meinem Stamm. Die Menschen denken, sie kommt aus Europa, sie hat viel Geld, sie wird uns retten. Und jeder kommt mit einem Rucksack voll Problemen zu mir. Wenn es ins Dorf geht, stehen die Menschen an den Straßen und jubeln.

Wie fühlt sich das an?

Luisa Natiwi: Sicher, es schmeichelt mir, aber gleichzeitig macht es mich sehr traurig. Denn ich habe keinen Rucksack voller Geld, das ich verteilen kann. Was ich also mache, mit dem bisschen Geld, das ich habe, ist Dinge wie Nahrungsmittel zu kaufen und im Dorf zu verteilen. Mit der Zeit wird es ruhiger, aber ständig bin ich von Menschen umgeben. Und ich frage mich, was ich machen kann, um all diesen Menschen zu helfen.

Glauben Sie, einen Auftrag für Ihr Volk zu haben?

Luisa Natiwi: Das Gefühl hatte ich, als ich 1975 ins Flugzeug nach Deutschland gestiegen bin, um dort wegen einer Krankheit behandelt zu weden. Ich saß im Flugzeug und habe zu meinem verstorbenen Vater gesprochen. Ich sagte: Ich werde gerettet und ich rette auch dein Volk. Das rührt mich so sehr, wenn ich das sage. Es ist nicht groß, was ich tue. Aber es ist wirksam. Und dann spüre ich die Dankbarkeit dort.

Welche Rolle spielt die Bildung für Ihren Stamm?

Luisa Natiwi: Durch den Mangel an Bildung sind wir immer noch der einzige Stamm in Uganda, der wirklich im Rückstand ist. Wir leben wie in der Steinzeit. Obwohl wir Bodenschätze ohne Ende haben. Wir haben immer geglaubt, die Nahrung fällt vom Himmel. Denn bis heute kommen Hubschrauber vorbei und lassen Säcke mit Nahrungsmittel fallen. Aber wir müssen lernen, uns selber zu helfen. Mit der handwerklichen Arbeit fängt es an. Einen Steinbackofen bauen, Brot backen. Und Milch kann man nicht nur trinken, man kann daraus auch Käse oder Pulver herstellen. Das ist all das, was ich mit Zebra Crossing e.V. verwirklichen möchte.

Ihr Vater ist gestorben, als Sie etwa ein Jahr alt waren. Er ist Ihnen oft im Traum erschienen. Was sehen Sie da?

Luisa Natiwi: Mein Vater ist immer da, wenn ich ihn brauche. Wenn etwas ist, sagt er mir Bescheid. So ist er präsent. Ich brauche ihn in jeder Sekunde. Er ist da und ein Teil meines Lebens.

Wie leben Sie in Hamburg Ihre Religion aus?

Luisa Natiwi: Ich bin durch und durch eine Christin. Dass ich meine Religion stark auslebe, wäre übertrieben. Aber ich gehe oft in die St. Michaeliskirche. Alle zwei Monate offiziell um 10 Uhr zum Gottesdienst. Und sonst zwei Mal im Monat, wenn ich in der Gegend bin. Beten tue ich regelmäßig. Da ist etwas über uns, wir sind nicht alleine hier.

Warum tragen Sie keine Uhr?

Luisa Natiwi: Das stört mich. Ich habe die Zeit immer im Gefühl.

Fühlt sich Zeit in Deutschland anders an, als in Uganda?

Luisa Natiwi: Ja. Hier ist Zeit wie Gold. Wenn man eine Zeit verpasst, dann hat man eine Chance verpasst. In Uganda nimmt man das nicht so ernst. Niemand wird sauer, wenn jemand zu spät kommt. Denn vielleicht mussten wir im Schatten warten, weil es heiß war. Oder es hat geregnet und die Straßen sind matschig. Oder vielleicht hat mich ein Dorn in den Fuß gestochen, oder die Nachbarin ist mir entgegengekommen und die Begrüßung dauert dann etwas länger. Und die wartende Person sitzt auch nicht einfach rum und wartet, sie hat selber genug zu tun. Aber hier ist Zeit wie Geld. Alles läuft mit der Uhr. Man muss es so sagen: In Deutschland habt ihr die Uhr, in Afrika haben wir die Zeit.

Sie wurden in einer Ziegenhütte geboren. Könnten Sie sich vorstellen, dorthin wieder zurückzukehren?

Luisa Natiwi: Wenn ich jetzt in Uganda leben würde, dann würde ich mich schon europäisch einrichten. Ich lasse die Ziegen dann mal allein in ihrer Hütte, sonst werde ich wieder von einer Hyäne gebissen. Aber wenn ich bei meinen Verwandten bin, passe ich mich an. Ich trage dann meine Nationaltracht oder schlafe auf dem Boden. Die Kultur muss ich schon behalten.

Gibt es hier in Hamburg Orte, die Sie besonders mit ihrer Heimat verbinden?

Luisa Natiwi: An der Elbchaussee, da ist so viel Grün, das erinnert mich an Kampala. Dort gibt es sehr schöne Viertel und Villen aus der Kolonialzeit. Und wenn man Richtung Schleswig-Holstein fährt und ich sehe die Tiere draußen weiden, die Schafe und Kühe, dann fühle ich mich an Karamoja erinnert.

Möchten Sie in Deutschland alt werden?

Luisa Natiwi: Das ist eine der Fragen, die ich mir ständig stelle. Alt zu werden in Afrika heißt, bequem zu werden. Man braucht nichts mehr zu machen. Man steht auf, der Stuhl ist schon unter dem Baum, wo man sich hauptsächlich aufhält. Und das würde mir in Deutschland fehlen. Hier ist es zudem sehr kalt. Ehrlich gesagt möchte ich dann lieber in Afrika leben.

Frau Natiwi, Sie glauben an ein Leben nach dem Tod. Als wer oder was möchten Sie wiedergeboren werden?

Luisa Natiwi: Als mein Lieblingstier, das Zebra.

Die Ausstellung „Afrikaner in Hamburg“ ist das Ergebnis eines Gemeinschaftsprojekts mit Hamburger Schulen, der Behörde für Schule und Berufsbildung der Hansestadt Hamburg, dem M.A. Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg, Radiofunkstark sowie den Vertretern zahlreicher afrikanischer Vereine und afrikanischer Privatpersonen in Hamburg.

Kim Schwarz

Ausstellung „Afrikaner in Hamburg“: 23. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012, Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64

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