Erst klagen, dann studieren

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Das Uni-Hauptgebäude an der Edmund-Siemers-Allee (Bild: pa/dpa)

Das Uni-Hauptgebäude an der Edmund-Siemers-Allee: Für viele Schulgänger gab es zum Wintersemester keinen Studienplatz (Bild: pa)

Einen Studienplatz an der Uni Hamburg zu ergattern, ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Gegenteil: 45.000 Bewerber musste die Universität für das diesjährige Wintersemester ablehnen.

Einer von ihnen ist Patrick Schröder. Der 22-Jährige hat im Sommer Abitur gemacht und sich für das Fach Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Uni Hamburg beworben. Anfang August hat ihm die Uni eine Ablehnung erteilt. Um doch noch einen Studienplatz zu bekommen, hat er eine Woche später eine Studienplatzklage, im Fachjargon „einstweiliges Anordungsverfahren“ genannt, gegen die Uni eingereicht.

Und es scheint funktioniert zu haben: Vergangenen Dienstag hat ihm die Uni per Mail mitgeteilt, dass er im Nachrückverfahren nun doch sein Studium beginnen könne. Schröder nimmt an, dass er durch seine Studienplatzklage doch noch einen Platz bekommen hat, sicher sei er jedoch nicht. „Ich habe mich jedenfalls nicht für das Nachrückverfahren angemeldet“, sagt er.

Ursprünglich sei er abgelehnt worden, weil sein Abitur-Notendurchschnitt zu niedrig war. „Mein Notendurchschnitt beträgt 2,7 und der Numerus Clausus für mein Wahlfach lag dieses Jahr bei 1,2.“ Insgesamt hätten sich 3300 Menschen für 38 Plätze im Fachbereich Medien- und Kommunikationswissenschafteb beworben, sagt er.

Im Falle einer Studienplatzklage muss die beklagte Uni nachweisen, dass sie keine weiteren Studenten mehr aufnehmen kann, erklärt Dr. Fardjam Yazhari, Rechtsanwalt bei der Kanzlei hamburglaw.de. Er hat Patrick Schröder bei seiner Studienplatzklage vertreten. Bei einer Ablehnung müsse der Student, oder besser gesagt sein Anwalt, erst einmal schriftlichen Widerspruch bei der Universität einlegen. Danach werde die Studienplatzklage eingereicht. Daraufhin müsse die Uni eine genau Rechnung ihrer Kapazitäten offenlegen. Diese werde vom Verwaltungsgericht geprüft und die Parteien warten dann auf einen Beschluss des Gerichts. Wenn der Kläger in der Zwischenzeit eine Alternative gefunden hat, zum Beispiel einen Studienplatz an einer anderen Uni, dann könne er die Klage zurückziehen, erklärt Yazhari das Prozedere.


Uni-Campus mit Audimax und Wiwi-Bunker (Bild: S. Seliner)

Doppelter Abiturjahrgang und Abschaffung der Wehrpflicht sind Gründe für die steigende Bewerberzahl (Bild: S. Seliner)

Es könne jedoch auch vorkommen, dass die Parteien einen Vergleich schließe, das heißt, sie einigen sich außergerichtlich. Dies könne zum Beispiel passieren, wenn nur wenige Studenten eine Studienplatz für ein bestimmtes Fach eingeklagt haben. Auf diese Weise versuche die Universität den Kosten bei einer etwaigen Niederlage vor Gericht zu entgehen. „Vergleiche werden so gut wie nie bei Fächern wie Medizin oder BWL gemacht. Denn es sind schlichtweg zu viele Studenten, die sich für diese Plätze bewerben“, sagt der Rechtsanwalt.

Eine Studienplatzklage koste im Durchschnitt zwischen 1000 und 1500 Euro. Das zuständige Verwaltungsgericht in Hamburg entscheide in den meisten Fällen relativ zeitnah zum Semesterbeginn darüber, ob eine Klage Erfolg hat oder nicht. Aufgrund des Anstiegs von Studienplatzbewerbern sei die Zahl solcher Klagen in den vergangenen Jahren gestiegen, so Yazhari.

Diese Tendenz bestätigt auch das Hamburger Verwaltungsgericht. „Vergangenes Jahr wurden 1788 Studienplatzklagen für das Wintersemester eingereicht. Dieses Jahr waren es 1985. Das ist eine Steigerung von fast zehn Prozent“, sagt Susanne Walter, Pressesprecherin der Hamburger Verwaltungsgerichte. Die Quote von Studenten, die ihre Anträge wieder zurückziehen sei relativ hoch, sagt sie. Dies erklärt sich beispielsweise dadurch, dass einige im Nachrückverfahren doch noch einen Platz bekommen oder sich für eine andere Universität entscheiden.

Die Erfolgsaussichten einer Klage hängen von unterschiedlichen Kriterien ab, wie das Studienfach und der Notendurchschnitt, sagt Rechtsanwalt Yazhari. „Der Erfolg einer Klage hängt jedoch auch davon ab, wie viele Anwärter es auf einen Studienplatz gibt und wie viele von ihnen Klage eingereicht haben“, fügt er hinzu.

Zudem hätten Studenten mit Kind oder Behinderte bei einer Klage eine größere Chance, doch noch einen Studienplatz zu bekommen, sagt Jan-Peter Jannack, Pressesprecher des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) In diesem Jahr jedoch hätten Kläger keine großen Erfolgsaussichten, da die Universitäten sich gut vorbereitet haben. Einige Fakultäten hätten zum Beispiel bereits im Vorfeld ihre Kapazitäten genauestens ausgerechnet. Somit hätten sie kein Problem, um im Nachhinein zu beweisen, dass kein Platz mehr für weitere Studenten vorhanden ist, sagt Jannack. „Oftmals werden jetzt sogar mehr Studenten angenommen, als Plätze zur Verfügung stehen. In der Hoffnung, dass einige von ihnen ihre Studium nicht antreten und somit mehr Platz für Nachrücker und Studienplatzkläger vorhanden ist“, erzählt er.

Grund für die zahlreichen Studienplatzklagen ist die Tatsache, dass die Zahl der Bewerber schneller steigt als die Studienplätze. Es gibt schlichtweg zu viele Anträge für die 5871 Bachelor- und 2602 Master-Studienplätze der Uni Hamburg. Das Hochschulpaket 2020, das rund 1300 zusätzliche Studienplätze an der Hamburger Universität geschaffen hat, konnte das Problem nicht lösen. 53.314 junge Menschen haben sich zum Wintersemester für einen Studienplatz an der Hamburger Universität beworben. Das sind im Durchschnitt 20 Prozent mehr als im Vorjahr, ein absoluter Rekord. Die Gründe für diese Bewerbungswelle sind die Aussetzung der Wehrpflicht, das Ende des Zivildienstes und doppelte Abiturjahrgänge.


Überfüllter Seminarraum an der Uni Hamburg (Bild: I. Kubitzky)

Überfüllter Seminarraum an der Uni Hamburg (Bild: I. Kubitzky)

Fast genauso begehrt wie Studienplätze sind auch Sitzplätze in den Auditorien. In vielen Vorlesungen müssen die Studenten auf der Treppe sitzen, erklärt Jan-Peter Jannack, Pressesprecher des AStA. „Die Uni Hamburg hat dieses Jahr eine Mehrzuwendung von einer Million Euro von der Stadt bekommen“, sagt er. Dies reiche jedoch nicht aus, um dem Bewerberansturm gerecht zu werden. Durch die Inflation im Bereich der Gehälter bleibe von dieser Summe so gut wie nichts mehr übrig, fügt er hinzu. In diesem Zusammenhang bemängelt er, dass die Anzahl an Studierenden in den vergangenen Jahren zwar gestiegen sei, die Mittel und das Personal jedoch nicht an diese Tatsache angepasst wurden. Die beliebtesten Studienfächer seien Volkswirtschaft, BWL, Deutsch, Erziehungswissenschaften und Psychologie, sagt Jannack,. Doch auch Medien- und Kommunikationswissenschaften seien sehr begehrt.

Obwohl es am Anfang des Semester in einigen Veranstaltungen sehr voll sein kann, gelingt es auch weiterhin, für alle Veranstaltungen die entsprechenden Raumkapazitäten anzubieten, betont Christiane Kuhrt, Referentin des Präsidenten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Hamburger Universität. Dafür werden nun auch die Randzeiten noch stärker genutzt für die Vorlesungen, sagt sie. Bisher habe die Uni Hamburg keine weiteren Räume wie etwa Kinosäle anmieten müssen.

Für Patrick Schröder hat die Warterei auf einen Studienplatz jedenfalls ein Ende. Denn ab nächster Woche kann er nun endlich sein Studium an der Uni Hamburg beginnen. Im Falle einer Absage hätte er eine Ausbildung im Medien- und Kommunikationsbereich oder ein BWL- oder Politikstudium bei der Bundeswehr gemacht, sagt er.


Tatjana Konieczny

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Ein Kommentar zu Erst klagen, dann studieren

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