Fahrradstation: „Wir sind alle ziemlich niedergeschlagen“

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Geselle Uli Weitzel (32), Christian Götsch (40) und Meister Thorsten Rusche (54) in der Selbsthilfe-Werkstatt (Bilder: K. Schwarz)

Geselle Uli Weitzel (32), Christian Götsch (40) und Meister Thorsten Rusche (54) in der Selbsthilfe-Werkstatt (Bilder: K. Schwarz)

Die Fahrradstation am Grindel bietet nicht nur günstigen und schnellen Service für das Fahrrad, sondern hilft auch arbeitslosen Menschen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben. Damit soll Anfang nächsten Jahres aber Schluss sein. Sozialsenator Detlef Scheele hat vor einiger Zeit beschlossen, die „Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung“ drastisch zu kürzen. Die Folge ist der Wegfall vieler Ein-Euro-Jobs, von denen besonders gemeinnützige Einrichtungen betroffen sind, so auch die beliebte Fahrradstation am Campus. Ab 1. Januar 2012 muss die Selbsthilfewerkstatt auf einen Großteil ihrer Beschäftigten verzichten.

Die Atmosphäre in der Fahrradwerkstatt an der Schlüterstraße ist locker und kameradschaftlich. Hier muss man nicht lange auf Beratung warten oder gar nach ihr suchen. Denn die Männer in den roten Anzügen erkennt man sofort. Und es sind viele. Zusätzlich zu den fünf Festangestellten arbeiten hier noch 20 sogenannte Ein-Euro-Jobber. Durch den Wegfall ihrer Stellen werden sich die Kunden – mehrheitlich Studenten und Anwohner aus dem Quartier – zukünftig auf längere Wartezeiten und weniger Hilfestellung einrichten müssen. Viel schwerwiegender werden die Folgen aber für die Arbeitslosen sein, die hier einen Berufswiedereinstieg suchen.


Rusche und sein Lehrling bringen ein kaputtes Fahrrad auf Vordermann

Rusche und sein Lehrling bringen ein kaputtes Fahrrad auf Vordermann

„Die waren alle entsetzt, als sie das gehört haben“, erzählt Projektleiter und Meister Thorsten Rusche. Der 54-Jährige würde gerne helfen, ihm seien aber die Hände gebunden. „Alles was wir tun können, ist sie jetzt ohne jegliche Perspektive wieder ins ‚off’ zu schicken.“ Und darüber macht Rusche sich Sorgen. Er weiß, wie wichtig die Maßnahme für die Teilnehmer ist, von denen 95 % aus dem ALG II Bereich kommen, also langzeitarbeitslos waren. „Die haben natürlich einiges durchgemacht und sind auch entsprechend ‚angeschrammt’“, sagt Rusche. „Wir beschäftigen hier unter Anderem sechs Ex-Junkies.“

Gerade für diese Menschen sei es wichtig, allmählich wieder den Weg in ein geregeltes Arbeitsleben zu finden, so Rusche. Dabei könne die Arbeit in der Fahrradstation eine große Hilfe sein. Hier lernen die Langzeitarbeitslosen wieder mit festen Zeitrahmen zu agieren, Verantwortung zu tragen und soziale Kontakte zu haben. „Viele meiner Mitarbeiter waren vorher sehr isoliert, daher sind sie zu Anfang ihrer Tätigkeit hier oft noch unsicher oder scheuen den Kundenkontakt“, sagt Thorsten Rusche. „Sobald sie aber die rote Fahrradwerkstatthose tragen, merkt man, wie sie langsam wieder an sich wachsen und sich auch etwas zutrauen. Nach drei bis vier Wochen sind die meisten angekommen.“ Wie es nun weitergehen soll, weiß Rusche auch nicht. Bei einigen seiner Angestellten habe er große Bedenken, dass sie in alte Gewohnheitsmuster zurückfallen. „Ich habe schon angeboten, dass sie wenigstens einmal am Tag zum Kaffee trinken vorbeikommen können. Dann haben sie immerhin schon mal etwas zu tun.“


Auch das soziale Miteinander spielt in der Fahrradwerkstatt an der Schlüterstraße eine große Rolle

Auch das soziale Miteinander spielt in der Fahrradwerkstatt an der Schlüterstraße eine große Rolle

Rusche hat die Fahrradstation vor acht Jahren mit aufgebaut. Nun muss er zusehen, wie das bislang erfolgreiche Projekt binnen kurzer Zeit auf ein Minimum reduziert wird. Bald werden dem Werkstattleiter nur noch zwei Lehrlinge zur Seite stehen. Denn auch die beiden Gesellen Uli Weitzel (32) und Martin Ritter (54) werden die Fahrradstation verlassen müssen. Sie wurden bislang aus Geldern bezahlt, die durch die Beschäftigung der Ein-Euro-Jobber zur Verfügung gestellt wurden. „Für beide haben wir dann keine Finanzierungsmöglichkeiten mehr“, sagt Grietje Bergmeyer, Projektkoordinatorin der Einfal GmbH, die das Projekt fördert.

Christian Götsch arbeitet seit September 2011 in der Fahrradstation auf dem Campus. Der 40-Jährige ist gelernter Fahrradmechaniker, war jedoch lange Zeit arbeitslos. „Wir sind alle ziemlich niedergeschlagen“, sagt er. „Ich frage mich auch, wie es hier mit der Fahrradstation weitergehen soll, es wird ja ab Januar fast keine Betreuung mehr da sein.“

Bereits jetzt steht fest, dass sich die Öffnungszeiten um etwa 1,5 Stunden am Tag verkürzen und die Preise wie zum Beispiel für Leihräder leicht steigen werden. Wie die Fahrradstation ihren Betrieb zukünftig mit 3 statt mit 25 Mitarbeitern führen will, weiß noch niemand so recht. Thorsten Rusche rät deshalb: „Wer sein Rad noch zu den alten Bedingungen reparieren lassen möchte, sollte möglichst noch im Dezember kommen.“

Kim Schwarz

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