Mann wollte Erstklässler ins Auto locken

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Nach dem Vorfall gründete sich eine Elterninitiative der Schule Turmweg zum Schutz der Kinder. Sie hängte rund um die Schule Warnschilder auf (Bild: M. Arning)

Nach dem Vorfall gründete sich eine Elterninitiative der Schule Turmweg zum Schutz der Kinder. Sie hängte rund um die Schule Warnschilder auf (Bild: M. Arning)

Eltern der Grundschule am Turmweg sind in Sorge. Sie haben Angst um ihre Kinder. Die Polizei sucht nach einem Mann, der vor 13 Tagen mitten am Tag zwei Erstklässler vor der Schule ansprach, um sie in seinen Wagen zu locken. Wie die Polizei mitteilte, sprach der ältere weißhaarige Mann die beiden Sechsjährigen am 2. Dezember um 12.40 Uhr an. Er erzählte ihnen, er habe in seinem Auto „niedliche Kaninchen“. Die beiden Jungen rannten sofort weg, in das anliegende Gemeindehaus, der Mann flüchtete. „Es war klasse, wie die Kinder sich verhalten haben, das war goldrichtig“, sagt Ulrike Lammen, Leiterin der Grundschule Turmweg, rückblickend.

Die Nachricht des Vorfalls verbreitete sich unter den Eltern wie ein Lauffeuer. Aufgeregte Mütter schickten E-Mails hin und her. Zudem gründete sich umgehend eine Elterninitiative, die im gesamten Stadtteil Rotherbaum Aushänge mit der Warnung „Achtung, Mitschnacker!“ verteilte und an Laternenmasten anbrachte – ohne Absprache mit der Schulleitung. „Das ist ein Unding und geht zu weit“, sagt Ulrike Lammen. „Ich kann verstehen, dass die Eltern ihre Kinder schützen wollen, aber sie müssen auch den Maßnahmen der Schule vertrauen.“

Die Schulleitung bemühte sich zunächst, die zum Teil panischen Eltern zu beruhigen. In allen Klassen fanden Gespräche mit den Schülern statt. Die Lehrer informierten die Kinder, wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten haben. Die Eltern wurden gebeten, das Thema noch einmal mit ihren Kindern zu besprechen. „Mein Sohn hat, seit die Geschichte bekannt wurde, Angst. Auch ich bin sehr unruhig. Deswegen hole ich ihn immer selbst ab“, sagt eine Mutter vor dem Schultor. Seit dem Vorfall zeigen bürgernahe Beamte der Polizei erhöhte Präsenz rund um den Turmweg. „Wir nehmen den Fall sehr ernst“, sagt Andreas Schöpflin von der Polizei Hamburg. Ulrike Lammen hat zudem die Beratungsstelle Gewaltprävention und die Schulaufsicht informiert.

Auch die meisten umliegenden Grundschulen wissen inzwischen von dem Vorfall, die Schulleiter reagieren eher gelassen. „Unser Elternrat wurde von Eltern des Turmwegs informiert und hat das Schreiben an alle Väter und Mütter weitergeleitet, aber es ist danach erstaunlich ruhig geblieben“, sagt Inken Schwanholz, Leiterin der Grundschule St. Nikolai in Eppendorf.

Schulleiter Herbert Neumann von der Grundschule Hoheluft sieht die Lage ähnlich zurückhaltend. „Der Vorfall im Turmweg ist bei uns kein größeres Thema.“

Allerdings hat es an seiner Schule vor etwa zehn Tagen einen ähnlichen Fall gegeben, wenn auch weniger dramatisch. So hatte eine Erstklässlerin erzählt, dass sie von einem älteren Mann angesprochen worden sei, ob sie nicht mitkommen wolle. Genauso wie die Schulleiterin am Turmweg, Ulrike Lammen, reagierte auch Neumann sofort und benachrichtigte sowohl die Polizei als auch die Eltern und Lehrer. Die Pädagogen hätten dann mit den Schülern darüber gesprochen, Polizisten führen vor Ort immer wieder Streife. „Wir haben den Kindern erzählt, dass so ein Fall schlimm enden kann“, sagt Neumann.

Die Kinder sollen nun nicht mehr alleine, sondern nur in Gruppen zur Schule gehen „Wichtig ist, die Kinder zu stärken, sie müssen lernen, laut Nein zu sagen und sich umzuschauen, wo sie Hilfe bekommen können. Sie sollten dann einen Erwachsenen und die Schule sofort informieren.“

Polizeisprecher Andreas Schöpflin ergänzt: „Die Kinder sollten zudem nichts annehmen und nicht in fremde Autos steigen.“ Das Verhalten der Schulleitungen sei genau die richtige Vorgehensweise, bestätigt der Leiter der Beratungsstelle Gewaltprävention, Christian Böhm. Er rät Eltern, solche Vorfälle ganz ruhig zu Hause anzusprechen. „Man muss die Kinder ernst nehmen, aber versuchen, keine Ängste zu schüren. Raus aus der Situation, das ist die wichtigste Botschaft“, sagt der Schulpsychologe.

Christian Böhm hält wenig von teuren kommerziellen Selbstverteidigungskursen, „in denen Kinder von Fremden in realitätsnahen Rollenspielen angebrüllt und damit verängstigt werden“. Die Gefahr sei sogar, dass sie danach unnötig lange in einer bedrohlichen Situation bleiben würden, „weil sie sich gewappnet fühlen“.

Sein Institut schult Lehrer zum Thema „Selbstbehauptung“. Es sei besser, wenn eine vertraute Person mit Kindern solche Abwehr-Übungen durchführen würde, meint Böhm. Die Schule Kronauerstraße in Eppendorf hat im vergangenen Jahr so ein Sicherheitstraining mitgemacht. „Damit haben wir versucht, den Kindern Selbstbewusstsein zu geben“, sagt Schulleiterin Kathrin Langhoff.

Zuletzt hatte ein vermeintlicher Entführungsfall an der Grundschule am Edwin-Scharff-Ring in Steilshoop für Aufregung gesorgt. Dort hatte Ende Oktober ein zehnjähriges Mädchen berichtet, dass ein Mann versucht habe, es durch den Schulzaun zu zerren. Ermittlungen der Kriminalpolizei vor Ort ergaben, dass außer dem Mädchen keine Zeugen die angebliche Tat verfolgt hatten. Die Fahndungsmaßnahmen wurden daraufhin eingestellt.

Henrik Jacobs und Sabine Tesche

Im Vorfall am Turmweg bittet die Polizei bei der Suche nach dem weißhaarigen Mann um Hilfe. Hinweise nimmt das Landeskriminalamt entgegen: Tel. 040/428 65 67 89.

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