Tabi’s Bistro: „Es sind die persischen Gewürze, die den Unterschied machen“

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Die 48-jährige Inhaberin des Bistros, Tabi (Bilder: O. Schirg)

Die 48-jährige Inhaberin des Bistros, Tabi (Bilder: O. Schirg)

Wir hatten uns für 16 Uhr verabredet. „Da herrscht meist Ruhe“, sagte Tabi am Telefon. Doch – na klar! – an diesem Montag ist alles ganz anders. Von den zwölf Außenplätzen von Tabi’s Bistro im Grindelhof sind an diesem Sommernachmittag sechs besetzt. Drinnen, im lila und grau gestrichenen „Gastraum“ sitzen zudem zwei Mütter, die lautstark ihre Kinder lobpreisen.


Eine Speisekarte im klassischen Sinne gibt es nicht – Saison und Markt bestimmen die Angebote

Eine Speisekarte im klassischen Sinne gibt es nicht – Saison und Markt bestimmen die Angebote

Es wird also ein unruhiges Gespräch. Mit Unterbrechungen, der beim Aufstehen vielfach wiederholten Frage „Kann ich kurz?“ und dem etwas schuldbewussten Lächeln, wenn sie sich wieder an den Tisch setzt. Man sieht der 48-jährigen Iranerin die Energie nicht an, mit der sie ihren Laden zu führen scheint. Eher zierlich, apart würde andere sagen, die Haare etwas streng nach hinten gekämmt. Das Lächeln korrigiert etwas den ersten Eindruck der Distanz – doch das etwas Exotische bleibt.


Auf der kleinen Außenterasse kann man bei guten Wetter angenehme draußen sitzen

Auf der kleinen Außenterasse kann man bei guten Wetter angenehme draußen sitzen

Ihr Bistro betreibe sie seit etwa einem Jahr, erzählt sie. Ihre Augen wandern hin und her, so als wollte sie ständig den Überblick behalten. Eine Speisekarte im klassischen Sinne gibt es nicht. Zwei, drei Tagesgerichte – gekocht wird, was der Supermarkt hergibt. Einzig die persischen Frikadellen bietet sie jeden Tag an. „Ich kann nicht nach Plan kochen“, sagt Tabi in einem Tonfall, als gebe es dazu nicht mehr zu sagen.


Zwei kleine Herdplatten müssen reichen: Hier kocht Tabi die Mittagsgerichte

Zwei kleine Herdplatten müssen reichen: Hier kocht Tabi die Mittagsgerichte

Zwei kleine Herdplatten (müssen) reichen. Während sie die Frühstücksgäste versorgt, köchelt auf einer der Herdplatten das Mittagsgericht, das es dann so ab elf Uhr gibt. Die Antwort auf die Frage, was denn so auf den Tisch käme, verblüfft: „Rindergulasch, Linsen, Bohnen, Salat“, zählt sie auf. So richtig nach „von weit weg“ klingt das nicht. Tabi klärt das Missverständnis auf: „Es sind die persischen Gewürze, die den Unterschied machen.“

Vielleicht nicht nur das. Tabis Bistro ist auch die Geschichte einer jungen Iranerin, die 1985 mit ihrem Mann und ihrem 15 Tage alten Sohn vor dem Krieg zwischen dem Iran und dem Irak flieht und das heimatliche Teheran verlässt. Amerika ist das Ziel, doch Verwandte in Deutschland überreden das junge Paar zum Bleiben. Tabi geht in der Großfamilie auf. Drei Jahre später wird der zweite Sohn geboren, noch mal gut drei Jahre später zerbricht die Ehe.

Als erstes fängt die junge, geschiedene Mutter an, die deutsche Sprache zu erlernen, jobbt bei Otto am Band und bei H&M hinter der Ladentheke. Weil man ihr als „Ungelernte“ nicht mehr Geld zahlen kann, nimmt sie, die in Teheran das Abitur gemacht und eine Berufsschule für Buchführung absolviert hat, eine Weiterbildung zur Hotelfachfrau auf.


Innenansicht des Bistro

Innenansicht des Bistro

Die Theorie an der Grone-Schule, die Praxis in verschiedenen Hamburger Hotels. Das klingt einfacher als es ist, vor allem dann, wenn das Frühstücksbuffet im Hotel ab fünf Uhr morgens betreut werden will und sie ihre Kinder zwei Stunden später per Telefon weckt, damit diese nicht zu spät zur Schule kommen.

Nach der Ausbildung arbeitet sie fünf Jahre in einem Schokoladengeschäft in Hamburgs Innenstadt. Doch der Gedanke an ein eigenes Geschäft lässt sie nicht los. „Ich kann so viele Sachen machen“, sagt Tabi. „Warum soll ich immer für andere arbeiten?“ Freunde raten ihr zu; die eigenen Jungs fragen, warum sie ihre Kochkünste nicht „versilbern“ will.

Das klingt so leicht, wohl auch deshalb, weil es so schwer ist. Es fehlt das Geld für den eigenen Laden. – Der Bruder aus Teheran hilft, Freunde und Familie hier in Deutschland ebenso. Beide Söhne streichen als „Geschenk“ jeweils eine Wand im Laden.


Das Bistro liegt etwas zurückgesetzt am Hallerplatz

Das Bistro liegt etwas zurückgesetzt am Hallerplatz

Und dann, endlich, geht es los. „Die ersten beiden Monate waren schwer“, erzählt Tabi. Kaum jemand verirrt sich in das etwas von der Straße zurückgesetzte Geschäft, gleich neben der „Hofbäckerei“ und einem eher hässlichen 60-er Jahre-Klinkerbau. „Leute schauten, kamen mal kurz rein und gingen wieder.“ Kein Wunder. Auf Werbung hatte sie verzichtet. „Kein Geld“, lautet die kurze Begründung.

Ab September vergangenen Jahres wurde es besser. „Wahrscheinlich haben jene, die hier gegessen haben, anderen davon erzählt“, sagt Tabi. Nach und nach steigt die Zahl der Gäste. Wobei: was heißt steigen? Manchmal kommen 20 Gäste am Tag, erzählt Tabi stolz. Etwas leiser fügt sie hinzu: „Manchmal sind es aber auch nur drei.“ Da nimmt es nicht Wunder, dass sie mit ihrem Geschäft – bislang jedenfalls – nicht reich wird.

Und das, obwohl sie sieben Tage in der Woche arbeitet. „Es gibt keine freie Zeit“, sagt sie. „Jetzt jedenfalls noch nicht.“

Oliver Schirg

Tabi: Mo-Sa 9-19 Uhr, So Brunch 10-14 Uhr, Grindelhof 85 (U Hallerstraße/Metrobus 4, 5), Telefon: 0176/29 92 90 90

 

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