Hamburg befreit Uni vom Sparzwang

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Man muss früh kommen, um einen Platz im Seminarraum zu ergattern - sonst studiert man im Stehen (Bild: I. Röhrbein)

Man muss früh kommen, um einen Platz im Seminarraum zu ergattern - sonst studiert man im Stehen (Bild: I. Röhrbein)

Die Stadt Hamburg und die Universität haben ihren Streit über Sparmaßnahmen beigelegt. Nach wochenlangen Verhandlungen einigten sich Senat und Hochschule im Grundsatz auf einen Zukunftsvertrag. Danach sichert die Hansestadt der Uni für die Jahre 2013 bis 2020 eine Zahlung von jährlich 280 Millionen Euro plus Inflationsanpassung zu. Im Gegenzug verspricht die Uni unter anderem, die Zahl der knappen Masterstudienplätze aufzustocken. Das geht aus dem Vertragsentwurf hervor, der dem Abendblatt vorliegt.

In der kommenden Woche wollen Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) und Uni-Präsident Dieter Lenzen den Vertrag unterschreiben. In den abschließenden Gesprächen geht es nur noch um Details. Entscheidend ist, dass die Hochschule bis zum Jahr 2020 von jeglichen noch möglichen Sparmaßnahmen der Stadt befreit sein wird. Der Vertrag ist damit nicht nur für die Universität von größter Bedeutung. Mit einer derart langen Laufzeit gibt der Senat ein klares politisches Bekenntnis zum Wissenschaftsstandort Hamburg. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) war deshalb eng in die Verhandlungen eingebunden.

Mit dem Abkommen erhält die Universität eine weitgehende Autonomie gegenüber der Stadt. Es wird erstmals schriftlich festgehalten, dass allein die Uni darüber entscheidet, wie viele Studenten sie aufnimmt. Das Geld, welches sie zur Verfügung gestellt bekommt, ist zum größten Teil nicht mehr zweckgebunden, sondern kann von der Hochschule nach eigenem Ermessen verteilt werden. Ebenso erhält sie eine Personalautonomie, kann also ebenfalls selbst entscheiden, wer wo eingesetzt wird. Bislang mussten derartige Entscheidungen stets über das Personalamt gesteuert werden. Die Uni hatte dies immer wieder als zu umständlich kritisiert. Sie selbst verpflichtet sich dazu, Verwaltungsaufgaben um fünf bis zehn Prozent zu reduzieren.

In den zugesagten 280 Millionen Euro enthalten ist die Kompensation für den Wegfall der Studiengebühren – etwa 39 Millionen Euro im Jahr. Die Stadt hatte die Ausgleichszahlungen zunächst für zwei Jahre zugesagt. Nun gibt es darüber hinaus auch hier eine längerfristige Planungssicherheit für die Uni. Das Budget wird zusätzlich um jährlich 0,88 Prozent erhöht. Das ist zwar weit niedriger als die Inflationsrate von mehr als zwei Prozent, aber höher als zum Beispiel die vom Land Berlin gewährten 0,3 Prozent.

Uni-Präsident Dieter Lenzen wollte sich zu Details nicht äußern. Zunächst müssten die Gremien informiert werden. „Wichtige Eckpunkte in den derzeitigen Verhandlungen sind für die Universität unter anderem ein finanzieller Aufwuchs und eine längerfristige Planungssicherheit, Verwaltungsvereinfachungen für die Universität und allen Bachelor-Absolventen eine sichere Übergangsmöglichkeit zum Master-Studium zu gewährleisten“, so Lenzen gegenüber dem Abendblatt. „Das Präsidium wird einer Vereinbarung zustimmen, die diese Eckpunkte verwirklicht.“

Wissenschaftssenatorin Stapelfeldt sagte: „Mein Ziel ist es, Planungssicherheit für die Universität und eine verlässliche Hochschulfinanzierung sicherzustellen. Damit schaffen wir Entwicklungsperspektiven für die Universität Hamburg.“

Nach Abendblatt-Informationen verhandelt die Stadt derzeit mit den übrigen Hamburger Hochschulen über ähnliche langfristige Abkommen.

Wie die Universität Hamburg die Krise meistern will

Budget-Kürzungen, überfüllte Hörsäle, verschulte Studiengänge und bislang wenig Vorzeigbares im Wettstreit um die Exzellenzmillionen des Bundes – meistens sind es keine guten Nachrichten, wenn es um die Hamburger Universität geht. Die Hochschule steckt seit Jahren in einer Qualitäts- und Identitätskrise. Doch seit Dieter Lenzen Universitätschef ist, kommt Bewegung in die Situation. Nach den jüngsten Auseinandersetzungen über Millioneneinsparungen im Hochschulbereich haben sich Universität und Senat jetzt weitgehend auf einen Zukunftspakt geeinigt, der eine sichere Finanzierung für die Entwicklung der Hochschule gewährleisten soll. Vor diesem Hintergrund beleuchtet das Abendblatt den Stand der Dinge bei vier großen Problemfeldern:

Mittelmaß im Leistungsvergleich

In den internationalen Rankings rangiert die Universität Hamburg eher im hinteren Bereich, etwa im jüngsten QS-World-Ranking auf Platz 203 von 300 getesteten Hochschulen. Auch bei der sogenannten Exzellenzinitiative des Bundes konnten die Hamburger nicht wirklich punkten. Nach zwei Runden in dem Verfahren, das den besten Universitäten des Landes Fördermittel in Millionenhöhe verspricht, qualifizierte sich Hamburg nur mit dem Klima-Cluster. Für die dritte Runde geht die Hansestadt mit einem Folgeantrag für den Bereich der Klimaforschung und einem neuen Antrag zur Echtzeitbeobachtung der Bewegungen von Atomen aus den Disziplinen Physik, Chemie und Biologie ins Rennen. Ein kleiner Erfolg, denn Hamburg war von der deutschen Forschungsgemeinschaft aufgefordert worden, diesen neuen Antrag einzureichen. Entschieden wird Mitte 2012.

Bologna 2.0

Nach der Reform beginnt die Reform, in diesem Fall geht es um Korrekturen an der Umstellung der alten Magister- und Diplom-Studiengänge in Bachelor- und Masterabschlüsse. In Hamburg ist der so genannte Bologna-Prozess abgeschlossen. Derzeit gibt es an der Universität 70 Bachelor- und 90 Master-Studiengänge. „Wir sind intensiv dabei, der beklagten Verschulung des Studiums entgegenzuwirken“, sagte Professor Holger Fischer, als Uni-Vizepräsident zuständig für Studium und Lehre. Jetzt werden größere Wahlmöglichkeiten bei den Lehrveranstaltungen geschaffen sowie weniger und vielfältigere Prüfungen entwickelt. „Das ist ein sehr mühsamer Prozess und dauert länger, als wir und die Studierenden es gern hätten“, sagt Fischer. Außerdem geht es darum, ausreichend Master-Studienplätze zu schaffen, sodass jeder Bachelor-Absolvent ein Master-Studium aufnehmen kann.

Dramatischer Sanierungsstau

Dass viele Gebäude der Universität in einem desolaten Zustand sind, ist unbestritten. Im Geomatikum etwa werden die Studierenden schon seit Jahren vor dem Betreten der Balkone gewarnt – sie sind einsturzgefährdet. Aber auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern oder im Phil-Turm ist die Lage desolat. Nach langem Tauziehen gibt es jetzt konkrete Pläne für Hamburgs neue Uni – am alten Standort in Eimsbüttel. Im Mittelpunkt des 320-Millionen-Projekts steht ein Klima-Campus an der Bundesstraße, der in einem Neubau neben dem dann sanierten Geomatikum untergebracht ist. Baustart soll 2013 sein. Finanziert wird das Vorhaben über die städtische Wohnungsbaugesellschaft Saga/GWG, die die Flächen an die Universität vermietet.

Überfüllte Lehrsäle, teurere Mensa

Selbst das Audimax ist zu klein, um alle die Studierenden zu fassen, die „Grundlagen des betrieblichen Rechnungswesens“ hören wollen. „Die Veranstaltung wird dreimal angeboten, und trotzdem sitzen Studierende auf den Treppen“, beklagt die Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), Luise Günther. Nachdem in diesem Semester mit 8500 Studienanfängern 1300 mehr als in den Vorjahren aufgenommen wurden, verstärke sich das Problem noch. Auch das Betreuungsverhältnis zwischen Studierenden und Professoren ist in Hamburg schlechter als im Bundesschnitt. Zwar könne man mit der Abschaffung der Studiengebühren einen großen Erfolg verbuchen, trotzdem sei die Situation für viele Studierende nicht rosig. Günther: „Die Mensa-Preise sind gestiegen, das Semesterticket ist teurer geworden.“ Dazu kommen die hohen Mieten. Täglich melden sich beim AStA Studienanfänger ohne Dach über dem Kopf.


Hanna-Lotte Mikuteit, Sascha Balasko


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