Wo sind die Professoren, die uns prüfen?

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„Sklavisches Festhalten an überfrachteten Lehrplänen widerspricht dem Grundgedanken des Studiums, sich zu bilden und aus- zuprobieren“: Martin Riecke, 22, mit seinen Kommilitonen Julia Sundermann, 24, und Jan-Peter Jannack, 26 (v. l.) (Bilder: K. Bodig)

„Sklavisches Festhalten an überfrachteten Lehrplänen widerspricht dem Grundgedanken des Studiums, sich zu bilden und aus- zuprobieren“: Martin Riecke, 22, mit seinen Kommilitonen Julia Sundermann, 24, und Jan-Peter Jannack, 26 (v. l.) (Bilder: K. Bodig)

Im Gegensatz zur turnusmäßig wiederkehrenden Anfangseuphorie der Erstsemester überwiegt bei erfahrenen Studierenden der Hamburger Universität real existierende Ernüchterung. Trotz Ausbauplänen und der Senatsankündigung, den Sparzwang mit jährlich zugesicherten 280 Millionen Euro zu lockern, liege in der Gegenwart eben doch vieles im Argen. Der Istzustand des Geomatikums etwa wird nicht zu Unrecht als Symbol einer vernachlässigten Hochschule angesehen. „Die Toiletten sind regelmäßig geschlossen, es gibt zu wenig Räume, und wenn man Pech hat, fällt auch der Fahrstuhl aus“, sagt Martin Riecke, Studierender der Geografie. Er kämpft sich seit dreieinhalb Jahren durch die Widrigkeiten des Uni-Alltags.

Mit Jan-Peter Jannack und Julia Sundermann sitzt Martin im Infocafé des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA). Draußen regnet es – wie passend. Denn die Erfahrungsberichte vom Campus zeichnen ein trübes Bild des Uni-Alltags. Jan-Peter ist Lehramtsstudent im zwölften Semester, Julia befindet sich im siebten Semester im Fach Sozialökonomie. Abgesehen von der beunruhigenden baulichen Verfassung der Universität – es gibt teilweise keine Fenster in Seminarräumen – hadern sie mit Platzmangel, überfrachteten Bachelor-Lehrplänen und zu wenig Personal.

Es ist die Realiät der Studierenden in einer Stadt, die obendrein die Mensa-Preise anheben ließ und zu wenig bezahlbaren Wohnraum besitzt. Täglich würden beim AStA Erstsemester vorstellig, die noch keine Bleibe gefunden haben, sagt die AStA-Vositzende Luise Günther. „Und an der Universität sind so viele Gebäude marode, dass es Fachbereiche gibt, die keine eigenen Vorlesungsräume haben.“ Nicht nur in der Sozialökonomie, sagt Julia Sundermann, wo Wert auf interdisziplinäre Lehre gelegt werde, führe das zu Schwierigkeiten. „Aber in unserem Fachbereich fällt es mir auf. Denn es gibt schlicht zu wenig Platz.“

Damit einher geht das Problem des fehlenden Personals. Sowohl in der Verwaltung als auch in der Lehre seien zu viele Stellen unbesetzt. Die Kombination aus chronischer Geldnot und schwierigen Lehrbedingungen habe unter anderem zur Folge, dass 60 Bewerber auf 20 Seminarplätze kämen, Hausarbeiten mitunter erst nach einem Jahr zurückgegeben und neue Professoren nicht berufen werden können, weil für sie keine Räume zur Verfügung stehen.

„Hinzu kommt, dass man in Seminaren auch mal aussortiert wird“, sagt Jan-Peter Jannack, wenn das Zufallslos des elektronischen Studien-Infonetzes (STiNE) nicht gnädig war. Ergebnis: verpasste Scheine, unnötige Verzögerungen im Studium und damit die Streichung des BAföG, wie der Lehramtsstudent weiß. Der 26-Jährige musste trotz Nebenjobs wieder bei seinen Eltern einziehen. Ohne BAföG konnte er sich die WG nicht mehr leisten.

Weil die Lehre zudem aus Kostengründen oft von Dozenten statt Professoren übernommen werde, komme nicht nur die Forschung zu kurz, auch bei Prüfungen gebe es Engpässe. „Im Fachbereich Politik hatten meine alten Professoren die Uni zum Prüfungszeitpunkt verlassen, ihre Stellen waren noch nicht besetzt. Aber ich brauche einen Professor, der mich prüft. Dozenten sind dazu nicht berechtigt.“

Vonseiten des Uni-Personals werde den Studierenden zwar großes Verständnis entgegengebracht. Viele Dozenten verzichteten sogar auf die Anwesenheitspflicht oder rieten wegen überfüllter Säle mit dem Verweis auf Online-Skripte gleich ganz vom Besuch der Veranstaltung ab. „Doch dabei geht auch der Grundgedanke des Studiums verloren“, sagt Martin. „Das Ausprobieren, die vielschichtige Bildung.“ In drei Jahren, die ein Bachelor-Studiengang dauert, sei das nicht zu schaffen. Zumal viele Fächer mit Pflichtveranstaltungen zugestopft seien.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen studieren die drei gern in Hamburg. „Denn grundsätzlich ist es nicht der Fehler der Universität, sondern der Stadt“, sagt Julia, während Martin dem Ganzen sogar etwas Positives abgewinnen kann: „Denn wenn man hier etwas lernt, dann, sich zu organisieren und durchzuschlagen.“

Damit der Dialog zwischen Stadt und Studierenden nicht abreißt, gestaltet der AStA in der kommenden Woche Aktionstage mit der Losung „Uni umdenken“. Die Ergebnisse sollen Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) vorgelegt werden. „Wir geben die Hoffnung nicht auf, weiter kleine Schritte voranzukommen“, sagt AStA-Vorsitzende Luise Günther.

Nico Binde

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